07 May 2026, 12:19

Wie die DDR das jüdische Erbe Halberstadts vergaß – und warum das bis heute nachwirkt

Rechteckige Plakette mit 'Adolf Abraham' eingraviert, an einer Steinwand angebracht.

Wie die DDR das jüdische Erbe Halberstadts vergaß – und warum das bis heute nachwirkt

Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht, wie die antifaschistische Haltung der DDR das Erbe der einst blühenden jüdischen Gemeinde Halberstadts nicht bewahren konnte. Die Stadt, einst ein Zentrum des neo-orthodoxen Judentums, sah ihre jüdische Bevölkerung zwischen 1938 und 1942 systematisch vernichtet werden. Grafs Forschung deckt tiefgreifendere Probleme auf, wie die DDR ihre Vergangenheit aufarbeitete – oder sie vielmehr ignorierte.

Der Untergang der jüdischen Gemeinde Halberstadts begann 1938 mit der Zerstörung ihrer Synagoge. Pfarrer Martin Gabriel bezeichnete dieses Ereignis später als Ausgangspunkt für die weitere Verwüstung der Stadt. Bis 1942 war die Gemeinde ausgelöscht, nur eine Handvoll Überlebende blieb zurück.

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1949 entstand am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge eine Gedenkstätte für die Opfer von Zwangsarbeit. Der Ort wurde 1969 umgestaltet – zu einer Stätte politischer Treuebekundungen, die direkt über den Gräbern der Häftlinge errichtet wurde. Gleichzeitig wurden die unterirdischen Tunnel des Lagers in den 1970er-Jahren als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet.

1961 war Willy Calm der letzte noch in Halberstadt lebende Jude und fungierte als offizieller Vertreter einer nicht mehr existierenden Gemeinde. Trotz vereinzelter kultureller Spuren – wie der Musik von Lin Jaldati oder Romanen von Peter Edel und Jurek Becker – zeigt Graf in seiner Arbeit, dass es in der DDR kaum eine bedeutende jüdische Kulturtradition gab. Sein Buch „Verweigerte Erinnerung“ kritisiert die antifaschistische Erzählung des Staates, die diese Auslöschung überging.

Der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen 2018 entfachte erneut antisemitische Ressentiments, als hinter vorgehaltener Hand von einem „Verkauf an die Juden“ die Rede war – ein Vorfall, der Graf zu vertieften Recherchen veranlasste. Er fordert nun eine Überprüfung veralteter Analyseansätze, um sowohl rechtsextreme als auch linksautoritäre Tendenzen zu hinterfragen.

Grafs Erkenntnisse legen offen, wie lückenhaft die DDR ihre jüdische Geschichte aufarbeitete. Das Buch plädiert für eine ehrlichere Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, besonders in Regionen wie Halberstadt, wo eine einst lebendige Gemeinde getilgt wurde. Seine Forschung unterstreicht zudem die Notwendigkeit, anhaltende Vorurteile abzubauen, die bis heute in politischen Debatten wiederaufleben.

Quelle