Kratzers revolutionäre Inszenierung an der Hamburger Staatsoper bricht alle Regeln
Vesna DöhnKratzers revolutionäre Inszenierung an der Hamburger Staatsoper bricht alle Regeln
Die Hamburger Staatsoper hat mit einer mutigen Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri aufhorchen lassen, die von ihrem neu berufenen Intendanten Tobias Kratzer stammt. Die am 27. September 2025 uraufgeführte Produktion sprengt traditionelle Grenzen, indem sie das Publikum direkt einbezieht und zeitgenössische Themen in Schumanns Oratorium des 19. Jahrhunderts verwoben hat. Die Inszenierung markiert die erste große Zusammenarbeit zwischen Kratzer und dem neuen Generalmusikdirektor der Oper, Omer Meir Wellber.
Kratzers Regie bricht konsequent die vierte Wand. Das Publikum bleibt nicht passiv – es wird gefilmt, angesprochen und sogar in das Bühnengeschehen einbezogen. In einem besonders eindrucksvollen Moment klettert die Sopranistin Vera-Lotte Boecker, in der Rolle der Peri, über die Zuschauerreihen, um eine weinende Besucherin zu trösten und macht Mitgefühl so zu einer körperlichen Geste. Die Handlung selbst transformiert Schumanns Original in eine moderne Allegorie: Ein weißer Demagoge schürt Krieg, während ein schwarzer Jugendlicher – als Verkörperung der sterbenden Figur im Oratorium – ihm trotzt. Bilder der Klimakrise prägen den dritten Akt und verankern die romantische Erzählung in den drängenden Debatten unserer Zeit.
Am Pult führte Wellber das Philharmonische Staatsorchester Hamburg durch eine neu interpretierte Partitur, die Schumanns Musik mit Kratzers theatralischer Vision in Einklang brachte. Die Produktion knüpft an den Regisseurs früheren Arbeiten wie Frauenliebe und -leben an, wo er ebenfalls klassisches Repertoire mit gesellschaftskritischen Elementen verband. Die Premiere leitete zudem eine Reihe experimenteller Abende ein, darunter Monsters Paradies und eine überarbeitete Fassung von Frauenliebe und -sterben, die allesamt darauf abzielen, Konventionen herauszufordern.
Die Reaktionen des Publikums fielen gespalten, aber lebhaft aus. Während einige die Kühnheit der Inszenierung begeistert feierten, hinterfragten andere Kratzers eigene Präsenz auf der Bühne, die die Grenze zwischen Schöpfer und Darsteller verwischte. Doch insgesamt signalisierte die Resonanz ein großes Interesse an der neuen Ausrichtung der Oper unter seiner Leitung.
Die Premiere unterstreicht Kratzers Bestreben, die Hamburger Staatsoper zu einem Ort des öffentlichen Diskurses umzugestalten. Indem die Produktion Schumanns Musik mit brennenden gesellschaftlichen Themen verknüpft, hebt sie die Oper über bloße Unterhaltung hinaus und macht sie zu einem Raum aktiver Auseinandersetzung. Die kommenden Spielzeiten werden diesen Ansatz voraussichtlich weiterverfolgen, während Kratzer und Wellber die Rolle der Institution im kulturellen Leben der Stadt neu definieren.






